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Neues altes aus dem Verlagswesen: Unfaire Fairness der Berliner Erklärung

 21. Mar 2011
Simon Nickel  
 

Unter dem Namen “Berliner Erklärung” ist ein neuer Versuch der europäischen Verlagslobby gestartet worden, von der Politik ihre Wirtschaftsinteressen durchsetzen zu lassen. Für Deutschland durch den VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) vertreten. Darin wurden 5 Forderungen aufgestellt.

Was sie fordern könnten.

Bevor man sich die wirklichen Forderungen anguckt, ist es recht spannend die Umstände etwas zu interpretieren. So kann man zum Beispiel durch den Namen auf interessante Schlüsse kommen. Mit der Bezeichnung “Berliner Erklärung” reihen sie sich in einige Namensvetter ein.

So zum Beispiel die Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945, in der dem Aliierten Kontrollrat die Regierungsgewalt über das Gebiet des deutschen Reiches zugeteilt wurde. Die Verlage könnten darin 2 Rollen einnehmen, die des Tyrannen, der mit Hilfe von außerhalb – hier der Politik – besiegt werden soll oder die der rettenden Vereinigung. So würden sie die Bevölkerung – hier vielleicht speziell die Journalisten – vor der Unterdrückung des Tyrannen befreien. Die Folgen kennen wir: Es entsteht eine offene, auf freien Werten basierende Medienindustrie mit unerwartet hohem wirtschaftlichen Erfolg und eine geschlossene hinter einer Berliner Paywall versteckte trostlose Zeitungslandschaft. Die Frage ist jetzt, welche dieser beiden Systeme sie wählen? Ich denke die Paywall gefällt ihnen sehr gut, jedoch würde ihnen der geschichtliche Verlauf nicht gefallen.

Eine direktere Verbindung gibt es zur “Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“. Darin wird das Internet als Plattform für wissenschaftliche Zeitschriften gefordert, mit freiem Zugang sei hierbei betont. Sie gilt damit als wichtiger Schritt der Open Access Bewegung. Als Leitmotiv eine schöne Sache, doch passt es kaum zu ihrem bisherigen Verhältnis zum Internet.

Die Forderungen.

Aber gucken wir mal, was sie überhaupt fordern:

So sind zumindest die Überschriften der 5 Forderungen, vom VDZ übersetzt. Dem Original sind etwas mehr Informationen hinzugefügt. Den Deutschen Verlägern reichen die 5 Punkte ohne Erklärung jedoch anscheinend aus, wahrscheinlich um es den Lobbyisten leichter zu machen. Interpretationen lässt das aber mehr Platz, soll mir also recht sein.

Was sie damit meinen.

Lässt sich anhand folgender Aussagen ziemlich leicht erraten:

“Wir sind in einer deutlich veränderten Situation, die die Verleger in Auseinandersetzungen mit technischen Giganten führt, die die Verbreitung von Inhalten in allen Formen kontrollieren wollen.”

“[...] die zum Teil einseitigen Geschäftsbedingungen großer Internetplayer vergrößern die Gefahr, dass die zumeist kleinen und mittelständischen Verleger an der Entwicklung eines wirtschaftlich nachhaltigen digitalen Geschäftsmodells scheitern.”

Es geht also mal wieder um das böse Google, das die Rettung durch Apples iPad verhindert. Warte, das war anders. Gegen das böse Apple, weil Steve Jobs ihnen ihre DDR wegnehmen will. Oder doch gegen das gute Google, das sie vor Apple retten wird?

Besonders interessant ist da der Punkt 2 “Faire Rahmenbedingungen für innovative Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter”. Es geht also um Fairness, vorallem für innovative Geschäftsmodelle. So wie zum Beispiel commentarist.de. Ein kleines Unternehmen (Vergleiche mit “zumeist kleinen und mittelständischen Verleger”) mit einem durchaus sehr innovativen Geschäftsmodell. So wollen sie aus Onlineportalen aus der Flut an News und Klickstrecken Meinungsartikel filtern und ihren Nutzern deren Headline und Teaser darstellen. Der Nutzer findet dadurch Artikel, die ihn wirklich interessieren und die Onlineportale bekommen mehr interessierte Leser, win-win Situation sozusagen. Das sehen einige Verlage aber anders. Der Grund dafür könnte sein, dass sie folgendes tun

Sie investieren daher hunderte Millionen Euro in die Entwicklung neuer Plattformen, um digitale Inhalte anbieten zu können.

anstatt sich einfach mal mit dem Medium auseinander zu setzen und ihren Lesern das zu bieten, was sie wirklich wollen.

Auch Forderung 3 ist recht widersprüchlich “Ein effektiver Urheberrechtsschutz als Grundlage einer lebendigen Presse”. Urheberrechtsschutz würde bedeuten, dass der Urheber, nicht der Verleger des Urhebers, die Rechte an seinem Werk hat. Das ist es aber gar nicht, was die Verlage wollen und auch nicht was sie praktizieren. Eigentlich meinen sie damit: Ein effektiver Verwertungsschutz als Grundlage einer geknebelten Presse. Dieser Punkt kollidiert auch stark mit Forderung 1. So ist das Zitatrecht eine von ihnen angefochtene Einschränkung des Urheberrechts. Aber auch ein in Punkt 1 geforderter “Verzicht auf jegliche weitere Beschränkung der Freiheit der Presse [...]“.

Auch im letzten Punkt “Gerechte Bedingungen und Transparenz in der Digitalen Welt” stellt sich wieder die Frage “für wen?”. Für ihre Journalisten? Für ihre Leser? Gerechtigkeit fordert sich leicht, jedoch definiert sie sich auch immer aus der Sicht des Betrachters.

Zu jedem Punkt ließe sich noch um einiges mehr meckern, interpretieren und gerade rücken. Wer noch nicht genug hat sollte sich auch die Beiträge von Thomas Knüwer und Marcel Weiss durchlesen.

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Kommentare

  1. Stethoskop says:

    Wow, das war echt ein toller Post hier! Ich bin zufällig durch Yahoo hierher gelangt. Hoffentlich gibt es bald noch mehr solche Posts zu dem Thema, ich markiere diese Page definitiv schon mal als Lesezeichen!!! Liebe Grüße