Die Sinnkrise des Google+.
15. Jan 2012Simon Nickel
Vor ein paar Tagen habe ich gesagt, dass Google+ mir weit weniger wichtig ist als Twitter. Das war nicht immer so. Vor ein paar Wochen war ich noch ziemlich begeistert davon, habe es beinahe mehr genutzt als Twitter. Es ist seitdem nicht schlechter geworden, also warum bin ich nichtmehr davon begeistert?
Das ist eigentlich ganz einfach: Google+ sah sehr vielversprechend aus. Es war nicht perfekt aber Google hat viel daran gearbeitet. Es bestand die Hoffnung, dass es sehr großartig werden könnte. Diese Hoffnung ist nun weg. Bis jetzt hat sich nicht wirklich viel geändert. Es kam allerlei unbedeutendes Zeug hinzu, wie Spiele oder Youtube in Hangouts. Aber was will man damit, wenn es Probleme mit der Kernfunktion gibt?
Die Kernfunktion ist der Stream, das Element was für den ein oder anderen das Blog ersetzt und den wichtigsten Teil am Sozialen eines Netzwerks ausmacht: die Kommunikation. Diesen Teil hat Google vernachlässigt. Leider. Dabei ist das gar nicht so viel was sich ändern müsste:
Die Probleme.
Das Sharing macht soziale Netzwerke zu dem was sie sind: Großartig! Interaktion zwischen Menschen, einer denkt etwas und der andere kann damit weitermachen, hin und her, es entsteht ein großer Haufen an Denkpower. Das sharen bei Google ist aber kaputt, es funktioniert nur einseitig und zerfleddert sich an seinen Enden in tausend tote Köpfe. Das hat 2 Gründe:
- Wird ein Beitrag geteilt enthält der daraus entstehende Beitrag keinen Link zu seinem Ursprung. Es entsteht eine Kopie ohne Verbindung.
- Teilen mehrere Leute in meinem Stream den gleichen Beitrag, wird das Ergebnis nicht aggregiert.
Der Nutzen eines Netzwerkes geht dabei vollkommen verloren: Das Gemeinsame fehlt. Das schlägt sich auch auf die Kommentare nieder: Kommentiert man direkt zu einem Beitrag, integriert man die eigenen Kreise nicht, man kann sie nicht dazuholen, man kann ihnen nur eine Kopie (ohne dessen Kommentare) vor die Füsse werfen. Dadurch verlieren sich die Kommentare vereinzelt auf den vielen Kopien. Ein großer Vorteil gegenüber Twitter verpufft damit beinahe in der Bedeutungslosigkeit.

Ein weiteres Problem sind die Circles. Sie haben ein grundsätzlichen Nachteil, dazu später mehr, aber auch einen funktionalen: Auf dem Bild sieht man die Circle Liste, da ist neben jedem Circle ein schöner Kreis. Ich will da jedesmal ein Häckchen reinsetzen, um bestimmte Circles in meinem Stream ein- oder auszublenden. Warum geht das nicht? Das wäre praktisch! Das führt zu einem Mangel an Übersicht, auch dazu komme ich später nochmal ausführlicher.
Um einiges wichtiger ist aber ein Element das zum Beispiel Twitter groß gemacht hat: Die API hat tausende Clients und Apps ermöglicht. Sie interagieren mit Twitter und bombadieren das System mit Mehrwert. Achja, ich will eine iPad App!
Die Sinnkrise.
Google will mit G+ an Facebook rankommen, das sieht man auch an der aktuellen Integration in die Suche. Der entscheidende Unterschied von Facebook ist deren System der gegenseitigen Freundschaft. Google hat Circles und will damit die Freundschaft auf Interessensgruppen ausweiten (Arbeitskollegen, Kegelclub, Leute mit gleichem Hobby…). Facebook hat (beinahe) private Kommunikation, innerhalb des eigenen Freundeskreises. Google probiert das nachzuahmen und durch das Schubladensystem zu erweitern, nicht mehr der gesamte Freundeskreis wird angesprochen, er lässt sich in Gruppen aufteilen.
Bei dieser Art der “privaten” Kommunikation vergisst Google aber die nötige Bidirektionalität der Beziehung abzubilden. Wenn ich meinen Kegelclub erreichen will reicht es nicht, wenn ich ihn adressiere. Er muss die Nachricht auch annehmen, also mich auch in einen Circle stecken.
Das Problem verstärkt sich durch die Doppelfunktion der Circles: Sie sind sowohl Gruppierung zum Senden, als auch zum Empfangen. Steckt ein Mitglied des Kegelclubs mich jetzt in einen anderen Circle als den Kegelclub, ist das ganze System kaputt.
Dieses offene Beziehungssystem ist den Leuten durch Twitter bekannt. Die Kommunikation auf Twitter wird nicht als privat empfunden, sie ist öffentlich. Das ist das was Twitter so außergewöhnlich macht, es ist ein großes Gespräch. So könnte Google auch funktionieren, Twitter mit mehr Möglichkeiten: langer Text, Kommentare, Medien Integration, Schubladen.
Das Problem ist aber die Richtung der Filterung. Bei Twitter filtert der Empfänger was er bekommen will, der Sender redet einfach in das System. Die Circles von G+ wollen aber, dass der Sender entscheidet wer etwas zu bekommen hat. Der Empfänger kann das nicht beeinflussen (er kann nur Personen beeinflussen nicht Themen). Circles machen also keinen Sinn für offene Kommunikation.
Die Lösung.
… existiert schon. Das twitterähnliche Netzwerk Subjot (Mein Profil) macht vor wie es funktionieren kann: Der Sender schränkt nicht ein, er kategorisiert. Jede Nachricht ist einem Subject (Thema) zugeordnet und offen in das System geschickt. Somit sammelt ein Sender ein Spektrum an Themen. Der Empfänger kann sich dann von seinem Kontakt die Themen heraussuchen, die ihn interessieren.
Man kann natürlich auch einfach alle Themen abonnieren und nachträglich einzelne wieder kündigen. Zusätzlich wird man natürlich auch auf neu entstehende Themen hingewiesen.
So müsste das Circlesystem auf Empfängerseite aussehen. Um das Private zu simulieren, müsste es für G+ also 2 parallele Verknüpfungsebenen geben. Das wäre den meisten Nutzern wahrscheinlich zu kompliziert, aber es würde im Gegensatz zum aktuellen System funktionieren.
Noch ein Problem: Die Übersicht.
Es gibt 2 Gruppen von G+ Meckerei.
- Hier ist ja gar nichts los.
- Wie soll ich das alles lesen?!
Ich gehöre zur 2. Gruppe. Anhänger der ersten Gruppe können das durch hinzufügen von Leuten umgehen ;) Ich könnte Leute wieder entfernen. Problem gelöst.
Ja gelöst wäre es, aber nicht sehr schön. Ein erster Schritt wäre es die oben genannte Möglichkeit mit dem An- und Abwählen von Circles. Damit könnte ich mir selbst Übersicht schaffen. Das Problem selbst ist der Vorteil den G+ gegenüber Twitter hat: Man kann mehr schreiben und Medien und Links werden mit Vorschaubild und Text dargestellt. Facebook macht das auch so, umgeht das Problem aber durch eine Filterung der Beiträge. Grob gesagt: Leute, mit denen man nicht interagiert, werden einfach nicht angezeigt. Das halte ich für den falschen Weg.
Die Frage ist: Wie könnte man das besser machen? Da kann wieder Twitter als Vorbild dienen. Der große Vorteil von Twitter ist die Geschwindigkeit, sowohl vom Sender als auch Empfänger. Wenig Text, wenig zu lesen. Twitter hätte sich das kaputt machen können, indem es eingebettete Videos und Bilder im Stream direkt einbindet. Hat es aber nicht.
Twitter bettet Content erst ein, wenn man den Tweet anklickt. Das ist ziemlich einfach und funktioniert. Google macht das nur bei langem Text. Jeder Link, jedes Video wird komplett angezeigt. Das ist überhaupt nicht übersichtlich.

Während mir bei G+ ganze 2 Beiträge angezeigt werden, sehe ich bei Twitter 9. Kann mir keiner erzählen, dass der Informationsgehalt bei G+ größer ist.
Fazit.
Der Artikel ist wohl etwas zu lang geraten, daher kurz eine Zusammenfassung: Sharing ist kaputt, Übersicht könnte durch Circle an- und abwählen verbessert werden, es fehlt eine API und eine iPad App. Google will zu Facebook, ist aber eigentlich eher Twitter. Daraus folgt, dass das Circle System kaputt ist. Eine Lösung lässt sich von Subjot abgucken. Allerdings ist der Stream viel zu unübersichtlich. Twitter zeigt aber, dass es auch besser gehen würde.
Das Problem ist, dass Google so sein will wie Facebook. Das scheinen aber die Nutzer nicht so ganz zu wollen. Das liegt daran, dass das Beziehungssystem – Kernelement eines sozialen Netzwerks – etwas anderes ist, als Google es haben wollte. Das führt zu Konflikten.
Google+ funktioniert also im Gegensatz zu Twitter weder so wie ich es mir wünschen würde, noch so wie es eigentlich gerne funktionieren will. Google kümmert sich momentan auch nicht darum, dass es besser wird. Es kümmert sich nur darum, dass es größer wird. Es “integriert” es in alle anderen Google Produkte (einen G+ Button im Google Reader ist keine wirkliche Integration).
Das ist der Grund warum ich es momentan nur so nutze wie Facebook: Fast gar nicht. Links finden ihren Weg dahin, ich selbst aber nicht.
Ich weiß, der Text ist lang, aber wenn jemand bis hierher gelesen hat würde es mich sehr freuen, wenn ihr mit ein Zeichen gebt ;) Sagt mir einfach was ihr zu den angesprochenen Problemen denkt oder wie ihr Google+ nutzt bzw. warum ihr es nicht nutzt. Danke :)


[...] Ein sehr guter Artikel über die UI-Probleme von G+ findet sich hier. [...]
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[...] lemontreepresse; “Vor ein paar Tagen habe ich gesagt, dass Google+ mir weit weniger wichtig ist als Twitter. Da… [...]
[...] hat vorgestern noch einen interessanten Beitrag zum Thema Die Sinnkrise des Google+ veröffentlicht, in welchem er seine Bevorzugung von Twitter gegenüber von G+ [...]
[...] Dieser Artikel erschien zuerst auf lemontreepresse.de. [...]
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