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Ein Märchen

 07. Oct 2011
Lena Florian  
 

Es war einmal in einem fernen Land jenseits von großen Städten mit Glühbirnen, jenseits von riesigen Schafherden und auch jenseits von Gut und Böse ein junges Mädchen. Es hatte schillernd-goldene Locken und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, das alles in seiner Umgebung erstrahlen ließ, während es durch die kleinen Gassen der Stadt schritt. Die Laternen funkelten, der Bordstein glänzte und sogar der Mond, der langsam aufging lächelte dem Mädchen wissend zu. Im Vorbeigehen erhaschte es ab und zu kleine Alltagsszenen in den winzigen Fenstern der Häuser und guckte neugierig solange hinein bis seine Schritte es vorbeigeführt hatte. Dort saß eine Familie am Tisch, da ein altes Ehepaar und da ein junger Mann mit seinem Hund. Alle aßen sie, es war ja auch schon Abendbrotzeit. Nur das kleine Mädchen wollte noch nicht seine Füße nach Hause lenken. Besser gesagt, seine Füße wollten das Mädchen noch nicht nach Hause lenken. Das würde sie später ihrer Mutter erzählen, die dann den Kopf schütteln, ihr einen bösen Blick zuwerfen und dann doch über den Kopf streichen würde. Also konnte sie genauso gut noch kurz an den Fluss gehen und den Sternen beim Aufgehen zusehen. Gedacht, getan. Sie setzte sich auf einen Stein am Ufer des großen Stroms, der die Stadt in zwei Teile spaltete. Im einen lebten die Blonden, im anderen die Roten, warum wusste keiner. Man hatte auch keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen, wer da die andere Seite des Ufers bewohnte. Zeit war knapp und die Menschen mussten härter arbeiten als je zuvor. Seitdem der ehemalige Kronprinz das Herrscherzepter übernommen hatte, waren die Steuern gestiegen, das Wasser des Flusses dunkler, die Gesundheit schlechter und das Essen knapper. Auch um diesen Grund kümmerten sich die Bewohner der kleinen Stadt wenig, sie waren keine streitseligen Leute und verabscheuten jede Art von Klage und Beschwerde. Sie lebten ihr Leben, solange sie lebten.

Das kleine fröhliche Mädchen saß da und beobachtete, wie langsam die Sterne am Himmel aufblitzten, um dem Mond Gesellschaft zu leisten. Sie seufzte und sprang auf, als plötzlich ein Schrei ertönte. Doch als sie sich umsah erblickte sie keine Menschenseele, auch nicht auf dem anderen Ufer. Nur ihr Spiegelbild strahlte ihr entgegen. “Warst du das?”, fragte das Mädchen. Es kam keine Antwort. Sie setzte sich wieder und blickte auf zu den Sternen, die immer zahlreicher am Himmelszelt erschienen. “Bin ich was!”, erklang plötzlich eine Stimme und das Mädchen sprang wieder auf. Empört blickte sie auf ihr Spiegelbild, das ihr nur einen gleichermaßen empörten Blick zurückwerfen konnte. “Duu!”, rief sie, doch keine Antwort ihres Spiegelbildes ließ sich hören. Erst als sie sich wieder setzte ertönte ein zaghaftes “Ich?”. Schüchtern trat das Mädchen wieder näher ans Wasser und blickte ihrem Spiegelbild entgegen. “Was soll das?”, fragte sie und wartete auf die Antwort. Einen Augenblick später ertönte “Das will was!” und das Mädchen fing an zu Lachen. Kichernd setzte sie sich zurück auf den Stein und hielt sich den Bauch. “Du bist lustig”, rief sie und prompt kam zurück: “Ich bin ernst?” Das Mädchen blickte fragend auf ihr Spiegelbild, eine so schnelle Antwort hatte es jetzt nicht erwartet. “Huch!”, sagte sie. Doch es kam keine Antwort. Sie setzte sich lehnte sich wieder zurück und wartete. Der Mond war schon einen weiten Weg gegangen und immer noch hatte das Mädchen keine Antwort bekommen. Verdrossen begann sie auf ihrer Unterlippe zu kauen und tippte ungeduldig mit dem Finger auf den Stein unter ihr. So saß sie da bis der Mond langsam wieder verschwand, die Sterne verblassten und die Sonne ihre ersten Strahlen über den Rand des Horizonts schob. Das Mädchen stand enttäuscht auf, ging und lebte glücklich bis ans Ende ihrer Tage, doch immer mit der Ungewissheit im Herzen, warum ihr Spiegelbild ihr nicht geantwortet hatte! Warum?

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