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“Dieser Tweet ist in deinem Land nicht verfügbar” – Twitter führt offenbar länderspezifische Zensur ein

 27. Jan 2012
Simon Nickel  
 

So heißt heute die Überschrift eines Artikels von Netzpolitik.org, die wiederum netzfeuilleton.de zitiert. Sie bezieht sich auf einen Blog Artikel des offiziellen Twitter Blogs.

As we continue to grow internationally, we will enter countries that have different ideas about the contours of freedom of expression. Some differ so much from our ideas that we will not be able to exist there. Others are similar but, for historical or cultural reasons, restrict certain types of content, such as France or Germany, which ban pro-Nazi content.

Until now, the only way we could take account of those countries’ limits was to remove content globally. Starting today, we give ourselves the ability to reactively withhold content from users in a specific country — while keeping it available in the rest of the world. We have also built in a way to communicate transparently to users when content is withheld, and why.

Das Thema sorgt gerade verständlicherweise für eine Menge Aufregung im Netz. Twitter galt schließlich bisher als die Speerspitze der freien Kommunikation. In Deutschland mag sich das in naher Zukunft nicht stark ändern (der Rechtsextreme Inhalt wird nur noch in De statt der ganzen Welt gesperrt), anders dürfte das aber in Ländern aussehen, die kein Recht auf freie Meinungsäußerung im Grundgesetz stehen haben.

Das globale Internet wird immer kleiner.

Bisher hat Twitter sich nicht groß um die Gesetze anderer Länder gekümmert, was in einigen Fällen zu einer landesweiten Sperrung geführt hat. In China ist Twitter zum Beispiel seit 2009 nicht erreichbar. Das wirkt sich natürlich auf den Wachstum von Twitter aus, was dem Unternehmen gar nicht gefällt. Einen solch großen Markt wie China will man sich natürlich nicht einfach so durch die Finger gehen lassen. Das ist verständlich. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass China die Sperrung aufheben wird. Inzwischen existiert dort ein eigenes Twitter mit direktem Regierungszugriff.

Immerhin sagen sie, dass sie alle Sperrungen öffentlich machen wollen, mit Ursache. Dafür kooperieren sie mit chillingeffects.org. Ob man dem glauben kann weiß man natürlich nicht sicher. Es ist ihnen aber zuzutrauen, schließlich haben sie auch lange gegen die Datenweitergabe von Wikileaks Mitgliedern gekämpft.

In der Liste stehen bisher nur durch Urheberrechtsverletzung gesperrte Tweets. Nico Lumma glaubt, dass das auch in Zukunft in 95% der Fälle zutreffen wird. Wir werden sehen. Anscheinend lässt sich das ganze momentan eh recht leicht umgehen:

Kann man dem Twitter-Support glauben, ist der Filter maximal leicht umgehbar. Eine Umstellung des Landes in den Nutzereinstellungen sollte ausreichen. Wobei man interessanterweise die Option worldwide offenbar nicht wählen kann. Siehe dazu auch netzwertig.com.

In dem Artikel von netzwertig.com deutet Marting Weigert das so, als würde Twitter diese Option ermöglichen und damit einen Kompromiss gefunden hat.

Insofern bleibt festzuhalten, dass Twitter nach dem aktuellen Stand einen Kompromiss gefunden zu haben scheint, der die Interessen der Anwender deutlich besser berücksichtigt, als diese dies von YouTube und anderen, auf Geoblocking setzenden Sites her gewöhnt sind.

Ich kann mir das nicht so wirklich vorstellen. Vielleicht habe ich da einfach etwas zu wenig Vertrauen.

*** Update: 19:33 ***

Nachdem sich der Rauch der ersten Empörungswelle gelegt hat, scheint sich herauszustellen, dass Twitter gar nicht böse ist und sich eigentlich sogar verbessert hat.

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