lemontreepresse

Kategorien
 

Der Winter – Teil 1

 28. Sep 2010
Lena Florian  
 

Sie lief durch die Tür nach draußen, durch den Garten und dann durch die Hecke, die das Grundstück vom Rest der Welt trennte. Der Saum ihres Kleides war nass von den Schneemassen, die sich seit einigen Tagen Nacht für Nacht ins Land wälzten. Mit ihnen war es immer schwerer geworden, Nahrung zu beschaffen und überhaupt zu finden. Die alte Hexe hinter ihr fluchte und warf einen Strahl Wasser nach ihr, der sich schon nach wenigen Sekunden in klare Eissterne verwandelte. Sie rettete sich mit wenigen Sätzen auf einen Baum und machte sich so klein wie möglich. Ihr Kleid war rotbraun, auf weißem Schnee gut zu erkennen. Ihr war als ob ihr Atem noch in ihrem Innern gefror. Die Hexe gab auf und ging in ihr Heim.

Die kleine gekauerte Gestalt atmete aus, sprang auf den nächsten Baum, der leise ächzte, und in den nächsten Garten. Leise schlich sie, ihre Haare sträubten sich, um auch nur die kleinste Bewegung von Innen wahrzunehmen. Es tat sich nichts. Mit wenigen Schritten gelangte sie an einen Belüftungsschacht unterhalb eines Fensters. Er war mit Tüchern verdeckt. Wenige Sprünge brauchte sie zum nächsten Schacht. Diesmal hatte sie Glück sie kroch durch das kleine Loch und fand sich schon bald im Inneren der Küche wieder. Alles war sauber und blitzblank geputzt. Auf einer Anrichte lag das, was sie schon seit Stunden gesucht hatte: Nüsse. Haselnüsse, Walnüsse und sogar Pistazien, die Tante Elsbeth so gerne aß.

Schnell huschte sie an einem Tisch vorbei hinter das Bein eines riesigen Lederstuhls. Bum. Bum. Bum. Was war das? Sie hielt inne und lauschte. Es wurde lauter: Bum. Bum. Bum. Schritte, die die Dielen zum Zittern brachten. Wenn das mit dem Essen noch was werden sollte, dann musste sie sich entscheiden: Verstecken oder Beeilen? Verstecken – Beeilen – Verstecken – Beeilen – Verstecken – Beeilen… BUM. BUM. BUM. Stille. O.k. Verstecken. Sie huschte im letzten Augenblick unter eine Kommode aus Kiefer. Dem Geruch nach hatte diese nie in einem Wald gestanden. Sie hatte den Geruch von Nikotin, Schweiß und Mensch in sich aufgesogen, als hätte sie nie einen anderen gehabt. “Widerlich”, dachte die kleine braune Gestalt. Plötzlich sah sie einen Schatten, direkt vor sich. Sie hielt die Luft an. Der Schatten wankte von rechts nach links und wieder zurück bis er mit einem lauten Rumpadumps in einen Sessel fiel.

Kurze Zeit später hörte man ein leises Röhren ähnlich dem eines Hirsches. Jetzt war die Zeit da: Die kleine Gestalt im braunen Kleid sprang mit einem Satz unter der Kommode hervor und auf die Anrichte mit dem Objekt der Begierde. Schnell steckte sie sich direkt eine Pistazie in den Mund und spuckte sie im gleichen Moment wieder aus. Bah. Salz. Dann musste sie Tante Elsbeth wohl enttäuschen. Schnell nahm sie das große Tuch aus diesem festen brauen Stoff, das sie immer bei sich trug vom Rücken und steckte so viele Nüsse hinein, wie sie nur tragen konnte. Sie hievte das nun leider nicht mehr ganz so leichte Tuch auf ihren Rücken und schleppte sich zum Rand der Anrichte. Sie erstarrte. Die Freude über das reichliche Essen hatte sie unaufmerksam gemacht. Der Schatten hatte die Augen weit aufgerissen und starrte sie an. Er hatte eine ölige Haut, die schon auf die Distanz entsetzlich stank. Er hatte kein Fell, wie alle dieser Trampeltiere. Jetzt durfte sie nicht zögern. Sie sprang mit einem nicht gerade eleganten Satz von der Anrichte und landete etwas ungeschickt auf allen Vieren. Aua. Das Tuch mit den Nüssen hatte sie schwerer gemacht als erwartet. Der Schatten erhob sich langsam. Die kleine Gestalt humpelte zum Loch. Bum. Bum. Bum. Schon war der Schatten an der Anrichte. BUM. BUM. BUM. Zwei Schritte nur noch. Sie versuchte sich durch das Loch zu zwängen. Blödes Tuch. KRKSCH. Hinter ihr hörte sie, wie der Schatten mit seinem Fuß gegen das Loch trat. Aber sie war schon weg. Sie roch schon den Schnee. Nur noch einen Augenblick und…. Die kleine Gestalt wurde geblendet von dem hellen Weiß, das sie draußen empfing. Jetzt nur schnell weg, bevor der Schatten auf die Idee kommt, ihr auf einem anderen Weg zu folgen.

Fortsetzung folgt …

Trackbacks

Kommentare

  1. Lena Florian says:

    Hier gehts zu Teil 2: http://lemontreepresse.simonnickel.de/der-winter-teil-2/ !

    Viel Spaß beim Lesen!