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Blick durch den Bildschirmrand: Deutsche Wired.

 09. Sep 2011
Simon Nickel  
 

Mir war mal wieder nach ein wenig Wortwitz, ist mir nicht wirklich gelungen, glaub ich. Dafür habe ich mir für 5€ Papier gekauft, auf dem innerhalb der ersten 40 Seiten zu 95% Werbung aufgedruckt ist: Die GQ. Auf dem Cover ist nämlich Justin Timberlake und da steht “Männer wie wir!”, das hat mich natürlich sofort überzeugt … zum Glück ist der Werbebroschüre noch ein Extraheft beigelegt, die erste Ausgabe der deutschen Wired.

Cover Testausgabe Wired Deutschland
Die Wired ist ein Kultmagazin aus den USA und gibt es seit ein paar Jahren auch in einer britischen und italienischen Ausgabe.

WIRED is the first word on how ideas are changing the world. Each month in the magazine and every day online, our editors deliver a glimpse into the future of business, culture, innovation, and science.

In Deutschland gibt es jetzt eine Testausgabe, zunächst nur als Beilage zur GQ, ab Oktober auch als eigenständiges Heft. Für viele Leute hängen an dem Namen Wired eine Menge Emotionen und Erwartungen, bei mir nicht. Ich habe bisher noch nie eine Ausgabe in der Hand gehalten und die Onlineausgabe gelesen, noch die iPad App angeguckt. Natürlich habe ich aber schon oft von ihr gehört und daher seit Ankündigung der deutschen Ausgabe interessiert das die Redaktionsblog verfolgt. Recht schnell wurde dort auch verkündet, dass neben dem gedruckten Heft auch eine iPad App mit gleichem Inhalt erscheinen soll. Das machte das ganze Projekt natürlich noch um einiges interessanter.

Da ich finde, dass so viel Offenheit im Redaktionsprozess belohnt werden sollte und ich schon immer mal einen Vergleich zwischen gedruckt und touchbar angucken wollte, habe ich mir sowohl iPad als auch das Print Version gekauft.

Die iPad App und ein erster Eindruck.

Screenshot der Wired iPad AppZuerst habe ich mir die iPad App heruntergeladen, moment, versucht herunterzuladen und immerhin zu ca 50% der 663 MB erhalten, der Download wollte leider nicht weitergehen. Das Magazin ließ sich trotzdem öffnen. Die Bedienung funktioniert so wie man sich das vorstellt, die Gestaltung ist mit vielen schicken Bildern sehr ansprechend und das Layout sehr abwechslungsreich. Gut gelöst ist das Problem mit dem Portrait und Landscape Format des iPads, es gibt für beide Ausrichtungen ein eigenes Layout und angepasste Bilder.

Der Inhalt hat mich auf den ersten Eindruck leider etwas enttäuscht. Zwischen viel Werbung (die meist trotzdem gut aussieht) gibt es zwar interessante Themen wie Crowdfunding, eine tolle Infografik über die Verteilung von Straftaten in Deutschland, eine schicke Bilderreihe eines pedalbetriebenen Küchengerätes, eine 360° Anguckmöglichkeit eines übergroßen Legoautos und ein tolles Video von fliegenden Metallvögeln, aber kaum Text. Auch der Kurztest von Staubsaugerrobotern wird nicht groß bei einer Kaufentscheidung helfen. Selbst thematisch überzeugende Beiträge – wie die von Mario Sixtus über Fernsehen, Gunter Dueck über die Auslagerung des Hirns auf Google, Tessa Bücker über Beziehung in und über das Internet, Richard Gutjahr über Innovationen in Israel oder Friedrich von Borries über Großunternehmen in der Gesellschaft – kommen von Umfang und Tiefe leider nicht über einen knappen Blogartikel hinaus. Vorsicht, nicht falsch verstehen: Alle 5 Artikel sind interessant und sehr gut geschrieben, aber leider ein ganzes Stück zu knapp. Es macht aber trotzdem Spaß und wie gesagt, das ist erstmal nur die erste Hälfte des Magazins.

Das Print Magazin und ein abschließender Eindruck.

Auch das Heft ist sehr ansprechend gestaltet, das Layout ist ziemlich abwechslungsreich und sieht einfach gut aus. Aber was auf dem iPad noch Spaß gemacht hat, ist in gedruckt Form um einiges langweiliger. Dem inhaltsarmen Anfang fehlen die Videos und Interaktionsmöglichkeiten der iPad App. Zwischen den knappen Artikeln ist es oft schwer die Werbung vom Inhalt zu trennen, die 4seitige BMW Werbung enthält mehr Text als die 6 Seiten davor.

Richtig los geht es aber erst ab Seite 60 mit dem Artikel vom Chefredakteur Thomas Knüwer (@tknuewer). Darauf folgen weitere Artikel mit der anfangs vermissten Länge. Von Cyberwar und Think Tanks zu der Kameratechnik Raytrix und dem iPhone Spiel Tiny Wings. Von Lobbyismus über Schokolade zu einem Artikel von Jeff Jarvis, in dem er Johannes Gutenberg als den ersten Technologieunternehmer der Welt beschreibt. Eine sehr interessante und weit gestreute Mischung, gebündelt durch einen Fokus auf Technologie in, um, zwischen und durch Gesellschaft und andersherum. Was leider fehlt ist der wirklich große Kracher mit inhaltlicher Tiefe. Viele Artikel wirken leicht dem Publikum der GQ angepasst, was verständlich ist, aber in einer zukünftigen eigenständigen Ausgabe vermieden werden sollte.

iPad App vs Print Magazin

Eine iPad App zu einem Magazin herauszugeben ist inzwischen Standard. Zumindest ein wenig fragwürdig hingegen ist es, in Zeiten – die durch einen Medienwandel von Print zu Digital in die Geschichte eingehen wollen – ein Print Magazin für eine technisch interessierte Zielgruppe in die Läden zu bringen. Die Zielgruppe mit iPad scheint zu klein zu sein um rentabel ein solches Produkt zu entwickeln und Alternativen zum iPad scheinen nicht lukrativ genug. Was fehlt ist ein einheitlicher Standard, der ein plattformunabhängiges Magazin mit solch einem Funktionsumfang ermöglicht und ein Bezahlsystem/Akzeptanz für Content im Web. Print ist also doch noch nicht tot und wird auch so schnell nicht sterben.

Das Magazin legt wie für dieses Genre üblich einen sehr großen Fokus auf die Optik. Seitenfüllende Bilder, aufwändiges Layout und natürlich recht imposante Werbung durchziehen das ganze Heft. Auf dem iPad kommen da noch ein dynamisches Layout mit vielen “Ausklapp Artikeln” und natürlich interaktive Elemente wie Videos, Links, Bilderstrecken, 360° Ansichten, Animationen und Geräusche hinzu. Diese Funktionen unterstützen die optische Ausrichtung sehr stark. Für nicht iPad Besitzer könnte es etwas frustrierend sein, dass neben einigen Artikeln auf die Funktionen der iPad Version hingewiesen, aber keine Möglichkeit geboten wird diesen Inhalt auf anderem Weg zu erreichen.

Da ich mir zuerst die iPad App angeguckt habe, kam mir das Heft beim ersten durchblättern recht langweilig und ein wenig überflüssig vor. Andererseits habe ich die Artikel auf dem iPad weniger intensiv gelesen, da ich meist etwas antippen oder Bilder im Kreis drehen wollte. In gedruckt ist also der Inhalt stärker hervorgehoben, andererseits aber der Unterhaltungsfaktor nicht so groß. Mit zunehmender inhaltlichen Tiefe nehmen in der iPad Version die Animationen und Interaktionsmöglichkeiten ab. In der Print Ausgabe steigt dabei die Attraktivität, sie fängt aber ohne die Funktionen der iPad Version auch sehr flach an. Die erste Hälfte wirkt recht leer, das hätte mit einer besseren Verteilung eleganter gelöst werden können.

Was mich immer wieder wundert ist, dass in der Diskussion über Print- vs Onlinejournalismus meist der direkte Leserkontakt als Argument gebracht wird, bei iPad Magazinen scheint das aber bisher aber kein Thema zu sein. Vielleicht liegt das einfach an der fehlenden Softwarelösung (so schwer wäre das aber nicht umzusetzen). Das wäre auf jeden Fall ein wünschenswertes Feature. Dass ein solches iPad Magazin gern mit dynamischen Inhalten spielen will zeigt der eingebundene Twitter Stream der twitternden Eiche.

Gut oder Schlecht?

Vom Layout her eine runde Sache und auch die iPad App macht Spaß. Ein wenig mehr Innovation wäre natürlich wünschenswert, aber eventuell auch ein wenig zu viel des Guten.

Nachdem mir die erste Hälfte zu stark auf die iPad Spielereien fokussiert waren und den Inhalt etwas vernachlässigt haben, hat mich der zweite Teil dann aber doch überzeugt. Dabei hab ich noch gar nicht alles gelesen.

Thematisch finde ich die Mischung ziemlich interessant und die Tiefe zumindest im zweiten Teil auch recht gut. Den Artikeln fehlt leider oft ein wenig Bissigkeit, insgesamt sind die Aussagen der Artikel oft etwas zu sehr auf Kuschelkurs. Von vielen Seiten wird kritisiert, dass steilen Thesen der amerikanischen Wired fehlen. Für eine erste Probeausgabe finde ich das aber durchaus sehr überzeugend und würde mir definitiv eine zweite Ausgabe kaufen. Ob Print, iPad Version oder sogar beides weiß ich noch nicht.

Recht schön finde ich folgende interaktive Kritik von Jannis Kucharz

Wenn ihr schon die iPad oder Print Version in der Hand gehalten habt, schreibt doch mal kurz was ihr so vom Inhalt haltet. Würde mich interessieren, was Leute abseits einer möglichen Autorenschaft des Magazins über den Inhalt denken.

Wer mehr Verbesserungsvorschläge, Enttäuschungsbekundungen und Rummäkeleien lesen will, der findet bei Delicious alles lesenswerte was mir dazu so in die Finger kommt.

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  1. [...] sind die meisten Texte viel zu kurz, was auch Leute zugeben, die das Blatt insgesamt mögen, und dadurch zu unstrukturiert und zu oberflächlich: Die überraschende Innovationsfreude der [...]

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